Edgar Rai
Tilla Durieux
Eine Biographie
Tilla Durieux war aufgeregt wie ein Kind. Eine Tür öffnete sich. Herein kam eine Pflegerin, die einen Rollstuhl vor sich herschob, in dem ein alter Mann mit weißem Bart und schief geneigtem Kopf saß. Seine verkrüppelten Hände lagen auf den Knien: Auguste Renoir.
Er musterte sie aus einem großen blauen Auge das andere blieb geschlossen. Und plötzlich war es wieder da, dieses altbekannte Gefühl, die Scham über die eigene Erscheinung, über diese verquere Mischung aus "slawischer Derbheit und französischer Pikanterie", das breite Gesicht, die knollige Nase, der dunkle Teint – ein Äußeres voller Makel. Ob sie das Bewusstsein ihres äußerlichen Defizits wohl je überwinden würde? Immerhin wurzelte es tief in der Kindheit, von der Mutter gepflanzt und reichlich begossen.
Hinter einem Paravent zog sie sich um. Dann ließ Renoir sie auf einem Stuhl Platz nehmen. Immerfort bohrten seine Blicke Löcher in ihre Festung. Lange schon war ihre Unzulänglichkeit ihr nicht mehr derart schmerzlich ins Bewusstsein gedrungen. Das war es doch, oder? Sie war einfach nicht schön genug, eine Zumutung für Renoir. Der von ihr so verehrte Künstler sollte eine Kartoffel malen!
Die Pflegerin kam und schob Renoir die Palette mit den Farben in die linke Hand, die genauso gekrümmt war, dass sie die Palette halten konnte. Den Pinsel band sie ihm an der rechten fest. Anschließend ließ Renoir sie die vorbereitete Leinwand gegen eine größere austauschen. Offenbar sah er doch mehr in Tilla Durieux als eine Kartoffel.
Sie saß Stunden und Tage, während Renoirs Blick zwischen ihr und der Leinwand hin und her wanderte. Irgendwann begann er zu reden. Er erzählte ihr, er möge Weißwurst mit Sauerkraut. So fing es an. Später sprachen sie über Literatur und Musik, und dann, eines Nachmittags, ganz nebenbei, sagte er: "Tragik wird immer falsch verstanden. Solange noch Tränen fließen, ist der Höhepunkt des Schmerzes noch nicht erreicht, erst wenn der Mensch schon wieder lächelt, dann ist der Schmerz unüberwindlich und unendlich geworden." Sie solle sich nur einmal die gotischen Figürchen anschauen. Deren unergründliches Lächeln stehe nur deshalb über den irdischen Kümmernissen, weil darin heiter gewordener höchster Schmerz zum Ausdruck komme. Diese Worte Renoirs hatten eine unglaubliche Wirkung auf Tilla Durieux.

Fadenheftung,
Hardcover mit Schutzumschlag,
16,0 x 22,0 cm,
240 Seiten,
durchgängig illustriert,
ISBN: 3-86601-645-X
Preis: 19,80 €
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© 1997-2012 Parthas Verlag Berlin