Kerstin Schilling
Insel der Glücklichen
Generation Westberlin
Über den Osten wollten wir nicht groß sprechen, denn dort saß der Feind, das war klar. Dieser schikanierte das arme West-Berlin mit Transitgebühren, Visumanträgen und Tieffliegern. Das gehörte zum Leben und wir nahmen es einfach hin. Eine ganz andere Spezies Feindbild respektive Störenfried kam aus der westlichen Richtung. Es waren die nicht in Berlin Geborenen, die in unsere Stadt zogen.
Da die Wirtschaft nach dem Mauerbau aus Berlin abwanderte, waren die Westdeutschen, die in unserem West-Berlin auftauchten, überwiegend Studierende und Bundeswehrflüchtlinge. Dazu kamen jene, die in Berlin die große weite Welt erwarteten, nachdem sie die dörfliche Einöde ihrer westdeutschen Heimat verlassen hatten. Unter anderen bildete sich so in Berlin auch die größte schwäbische Provinz außerhalb Schwabens – aber das ist eine andere Geschichte. Mit original Berlinern kamen die Westdeutschen meist nicht in Berührung. Die Zugezogenen wohnten zunächst in den Bezirken, in denen schon andere Zugereiste waren. In den Universitäten bildeten sich ebenfalls schnell Gruppen. Sie gingen gemeinsam aus und entdeckten neue Orte und vor allem eine neue Szene. Die echten West-Berliner blieben lieber unter sich. Warum auch sollten sie plötzlich ihre eingefahrenen und gewohnten Wege verlassen? Der Zeitplan war in unserer hektischen Großstadt eng gesteckt und ließ kaum Möglichkeiten, neue Menschen kennen zu lernen. Als Folge blieben beispielsweise an den Universitäten die echten West-Berliner einzeln zurück und schlossen sich dann als eigenständige West-Berliner Gruppe zusammen.
Auf diese Weise entstand der Eindruck, dass die eigentlichen Berliner Ureinwohner versteckt in Biotopen hausen mussten. Den Urberliner und die Urberlinerin lernte der Zugereiste nur in Person von Imbissverkäufern oder Busfahrern kennen. Menschen in ähnlichen Situationen, mit denen man das Leben teilt oder gar Freundschaft schließt, wurden erst Jahre später entdeckt.
Über diese natürlichen Gegebenheiten hinaus betrachteten wir jene Berlin-Bewohner, die noch nicht ihr ganzes Leben in dieser Stadt verbracht hatten, mit einer gewissen Arroganz. Sie fanden sich nicht so zurecht wie wir, kamen mit der offenen Herzlichkeit der Taxifahrer wenig klar, sprachen langsam und etwas seltsam und stiegen wie gesagt hinten in den Bus ein.

Fadenheftung, Pappband,
15 x 16 cm,
144 Seiten,
mit 30 s/w Abbildungen,
ISBN: 3-936324-26-3
Preis: 19,80 €
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© 1997-2010 Parthas Verlag Berlin
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