Henry Ries
Henry Ries – Ich war ein Berliner
Erinnerungen eines New Yorker Fotojournalisten
Zwischen Trümmerbergen rechts und links wanderte ich zur Sächsischen Straße / Ecke Pariser Straße, der letzten Wohnung von Omutti und ihrer ältesten Tochter, Tante Hedi, vor ihrem Abtransport nach Theresienstadt am 17. Juli 1942. In den Trümmern der Sächsischen Straße fand ich wie durch ein Wunder ein von mir selbst gemachtes Foto meiner damals zwölfjährigen Schwester. Es hatte den Krieg überlebt.
Es war dunkel geworden. In der ruhelosen Nacht dachte ich an die vielen Toten meiner Familie, und nur das junge Gesicht meiner Schwester konnte das Inferno dieser Schattenwelt für einige Augenblicke wegwischen.
Wenn ich in diesen Wochen und Monaten durch Berlin wanderte, kam es mir so vor, als hätte ich zwei paar Augen. Mit meinen amerikanischen Augen nahm ich die zertrümmerten Straßen und Gebäude wahr. Sobald ich mich aber umdrehte, erblickten meine Berliner Augen nur verstörte Menschen vor und hinter den Kulissen einer germanischen Tragödie. Es waren aber keine Kulissen, sondern die Überreste des "Tausendjährigen Reiches". Ich stellte mir vor, dass ich plötzlich meine große Jugendliebe hier wieder treffen würde. Würde ich sie überhaupt erkennen, so verbraucht, so gealtert oder so verkrüppelt sie jetzt vielleicht aussah? Würde ich ein solches tragisches Geschöpf umarmen oder einfach wegschauen? Würde der Anblick einer so Veränderten nicht auch meine Erinnerungen verändern? Vielleicht weniger äußerlich, aber innerlich war ich ja auch nicht derselbe geblieben.

Fadenheftung, Broschur,
15 x 28,5 cm,
220 Seiten,
mit ca. 200 s/w Abbildungen,
ISBN: 3-936324-21-2
Preis: 19,80 €
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